Maria Aresin

Weltbilder und Zeitbilder

Die vier Weltzeitalter in der Malerei und in der Graphik 1497–1836

Abstract zur Doktorarbeit:

Der Mythos der Weltzeitalter gilt als eines der ersten historischen Periodisierungsmodelle. Während der Renaissance wurde dieses Modell aufgrund seiner politischen und historiographischen Relevanz erneut rezipiert und damit zum Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung.

Beschrieben wird der Ursprung und die Entwicklung des Menschen, ausgehend von einem paradiesischen Urzustand, an den sich die zunehmende Kultivierung und Zivilisierung anschließen. Die schrittweise Erschließung des Territoriums sowie die Ausbildung des Privateigentums führen schließlich zur vollkommenen Entfremdung vom einstigen Urzustand und münden in einen finalen Kriegszustand. Erstmals schriftlich fixiert wurde der Mythos durch Hesiod (Werke und Tage 109-201), der den Verfall des Menschengeschlechts in fünf Perioden gliedert. Ausgehend vom Goldenen findet über die Stufen des Silbernen, Bronzenen und schließlich des Eisernen Zeitalters ein Verfall der Sitten und Werte der Menschheit statt, der in der gegenseitigen Vernichtung der von den Göttern geschaffenen Spezies kulminiert.

Dem Beispiel Hesiods folgend nahmen sich weitere antike Dichter des Mythos’ an, von denen neben Aratos von Soloi (Phainomena 96-136) und Vergil (4. Ekloge) besonders Ovid (Metamorphosen I:89–150) hervorzuheben ist. Ausgehend von den ersten illustrierten und besonders den druckgraphischen Ovidausgaben bildete sich im 16. Jahrhundert eine entsprechende Darstellungstradition des Themas der vier Weltzeitalter heraus.

Die Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert, die sich je einem Hauptbeispiel künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Weltzeitalterthema widmen. Der zeitliche Rahmen der Arbeit ist abgesteckt zwischen den ersten bildlichen Darstellungen des Mythos am Beginn der Frühen Neuzeit und dem allmählichen Abklingen dieser visuellen Umsetzungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die beiden zeitlichen Eckpfeiler bilden das Erscheinen der Druckfassung der Metamorphosenübersetzung Giovanni Bonsignoris in Venedig um 1497 und die Fertigstellung und Präsentation des Course of Empire-Zyklus von Thomas Cole im Jahr 1836.

Ziel der Arbeit ist es, der Frage nach der Motivation und den stimulierenden Faktoren beziehungsweise Katalysatoren, welche die vergleichsweise späte Ausprägung der Weltzeitalterdarstellungen bedingten, nachzugehen. Dabei lassen sich politische, historiographische und künstlerische Faktoren konstatieren, die wesentlich die Entstehung der Weltzeitalterbilder begünstigten. Die bildlichen Darstellungen wurden auf ihre Funktionen, Motive und Strategien der Betrachterinvolvierung hin analysiert und, wo dies möglich war, den zugrundeliegenden periodisierenden Zeitmodellen gegenübergestellt.

In den einzelnen Kapiteln sind jeweils Schwerpunkte gesetzt, die diese Aspekte reflektieren. Die Methodik unterscheidet sich von Kapitel zu Kapitel stark, da jeweils mit einem sehr unterschiedlichen Forschungsstand gearbeitet wurde, das heißt einige der besprochenen Bilder zuvor vergleichsweise ausführlich in kunsthistorischen Monographien oder Aufsätzen behandelt wurden, während für andere zunächst grundlegende Recherchearbeit in Archiven und Sammlungen geleistet werden musste.

Kapitel I beschäftigt sich mit den Gemälden Jacopo Zucchis, die Ergebnis einer nachhaltig betriebenen Selbstrepräsentationspolitik der Medici-Familie waren, welche für sich die Palingenese des Herrschers der 4. Ekloge Vergils beanspruchte. Zucchis Bilder verdeutlichen die enge Verzahnung von christlicher Heilsgeschichte und Weltzeitaltermythos, wie sie sich bereits in mittelalterlichen Vorläufern (Ovide moralisé) andeutete. In Kapitel II geht es anhand der Bilderserien Paolo Fiammingos um den Aspekt der Serialität als einem künstlerischen Mittel der Selbstvermarktung. Erwin Panofsky bezeichnete zurecht Ovids Metamorphosen als die in der Frühen Neuzeit beliebteste antike Mythenquelle (Panofsky 1969, S. 140). Es ist jedoch Christopher Allen zuzustimmen, der behauptet, dass nicht alle Erzählungen der Metamorphosen für die Darstellung durch die Bildkünste gleich geeignet sind (Allen 2002, S. 341). Der Mangel an narrativen beziehungsweise handelnden Elementen des Weltzeitaltermythos, der eine Zustandsbeschreibung bleibt, ist oft bemerkt worden: „the so-called myth of the five generations does not even have a story.“ (Kirk 1970, S. 236). Dieses fehlende Narrativ, die kaum erkennbare Verwandlung, kann als eines der Defizite angesehen werden, das eine Umsetzung des Mythos durch die Künstler erschwerte und dafür verantwortlich war, dass die Darstellungen des vierstufigen Mythos vergleichsweise selten blieben. In Kapitel III sollen am Beispiel von Sante Perandas und Jacopo Palma il Giovanes Werken für das Schloss der Pico in Mirandola mit Personifikationen und Allegorien wichtige Hilfsmittel besprochen werden, die den Künstlern zur Visualisierung der vier Zustände oder Stufen der Weltzeitalter dienten. Besonders die Kanonisierung von Personifikationen durch Cesare Ripas Iconologia ist ein wesentlicher Motivationsfaktor für die Weltzeitalterbilder um und nach ihrem Erscheinen 1593. In Kapitel IV soll die bisherige Leseweise der Weltzeitalterserien Pietro da Cortonas und Charles Le Bruns kritisch betrachtet und eine Neudeutung vorgeschlagen werden. Beiden Zyklen wurde bisher eine anachronistische Abfolge durch Umkehrung der Zeitalter unterstellt, die hier neu interpretiert werden soll. Das finale Kapitel widmet sich einem Zyklus von fünf Bildern Thomas Coles und dem diese bestimmenden, kreisläufigen und pessimistischen Geschichtsbild der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Daraus ergibt sich insgesamt das Bild einer eher heterogenen Entwicklung der Weltzeitalter in den Bildkünsten, in der jedoch bestimmte Trends deutlich werden, die eng an generelle künstlerische Tendenzen der Zeit geknüpft sind. Diese Trends werden innerhalb der fünf Kapitel genauer untersucht. Über die in sich geschlossenen Kapitel hinaus sollen mittels der verbindenden Aspekte Gemeinsamkeiten konstatiert werden. Trotz der Heterogenität und Unabhängigkeit der Bilderserien voneinander lassen sich somit Parallelen in ihrer Funktion und der Umsetzung des Mythos im Spannungsfeld zwischen Welt- und Zeitbildern aufzeigen. Bemerkenswert bleibt die Vielseitigkeit und der Erfindungsreichtum, den die Künstler im Herangehen an diese komplexe Thematik der mythischen Menschheitsgeschichte bewiesen und welche die betrachteten Werke allesamt auszeichnet.

Bis dato fehlte es in der kunsthistorischen Forschung an einer grundlegenden Aufarbeitung des Themas der Weltzeitalterbilder, die den existierenden Bestand an Darstellungen erfasst und diese sowohl einzeln als auch vergleichend analysiert. Die geringfügige Beachtung, mit der das Thema bisher in der Kunstgeschichte bedacht wurde, steht in starkem Kontrast zur ausführlichen Rezeption des antiken Mythos in anderen Disziplinen, etwa der klassischen Philologie oder der Literaturwissenschaft. In diesen Geisteswissenschaften wurde die Bedeutung der antiken Erzählungen bereits am Ausgang des 19. Jahrhunderts erkannt und ihrer historischen, politischen und kulturellen Tragweite entsprechend behandelt. In der Kunstgeschichte blieb die Auseinandersetzung bisher vor allem auf wenige Einzelstudien beschränkt, die sich einzelnen Bildbeispielen beziehungsweise einem bestimmten künstlerischen Umfeld widmen. Die bis dato umfangreichste und zugleich aktuellste Arbeit ist Elinor Myara Kelifs Dissertationsschrift (Sorbonne 2012, publ. 2017) zum Goldenen Zeitalter. In dieser behandelt die Autorin singuläre Darstellungen des Goldenen Zeitalters, während die vierteiligen Weltzeitalterserien bewusst außen vor gelassen sind. Die so entstandene Lücke, das erkannte Desiderat einer kunsthistorischen Erforschung der Weltzeitalterserien, konnte durch die vorliegende Arbeit geschlossen werden. Diese bietet zukünftig eine Grundlage für weitere Arbeiten zum Themenkomplex der Weltzeitalterdarstellungen.

Die Dissertation erscheint in der Reihe Neue Frankfurter Forschungen zur Kunst im Verlag Gebr. Mann (April 2021):

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