Anselm Rau

Imagination und Emotion

Bildstruktur und Emotionalisierungsstrategien in der monastischen Meditation und das „Modell Franziskus“.

Abstract zur Doktorarbeit:

Die franziskanische Meditationspraxis bietet der historischen Emotionsforschung ein Beispiel, wie Emotionen kulturell gebunden erzeugt werden. Diese kulturelle Prägung erfasst auch die Funktion bildlicher Darstellungen. Die moraltheologische Bewertung von Emotionen aufgrund der augustinischen Caritas-Theorie, liturgische Rahmenbedingungen und die paraliturgische Ausbildung von Strategien der Emotionsvermittlung und – kontrolle stellen die Voraussetzung dafür dar, dass in monastischen Meditationsmodellen Bilder emotional rezipiert werden und ihr Einsatz emotional gesteuert wird. Aus der Darstellung des „spirituellen Sehens“ im Bild ist die Strategie der Konditionierung nachzuvollziehen und über die Analyse von Sehgewohnheiten lässt sich das Vergegenwärtigungsverlangen erschließen. Das „Modell Franziskus“ ist als Produkt monastischer Meditationsfiguren anzusehen, die in Verbindung mit dem Bild des Crucifixus aktualisiert werden und so als Brücke zwischen Liturgie und spätmittelalterlicher Passionsmeditation zu verstehen sind. Der evangelikalen Ausrichtung der Franziskaner entgegen ist die Figur der Stigmatisation aus typologischen Bildformeln entwickelt worden, die so Eingang in die Passionsmeditation finden und geradezu zu einer Emotionalisierung des Bildes in der Meditationspraxis führen. Ihren spezifischen Untersuchungsgegenstand hat die Dissertation in der Genese dieser Emotionalisierung und im Strukturvergleich von visuellen Projektionen und rezeptiven Vergegenwärtigungen. Die Meditation vollzieht sich zwar in den traditionellen Schritten compunctio, compassio und imitatio, ein besonderes Gewicht legt sie aber auf die imaginatio, die die Untersuchung der Emotionalisierung des Visionären verlangt. Die Bildvision von Franziskus zeigt exemplarisch wie Emotion und Erkenntnis zugleich visionär und körperlich erfahrbar werden. Dabei steht jedoch nicht Frage nach der Bedeutung des Wunders der Stigmatisation für den Heiligen selbst im Raum, sondern das „Modell“ Franziskus für die Devotionspraxis selbst.

Gegliedert ist die Arbeit in drei Abschnitte. Im ersten Teil wird die Entstehung der Franziskuslegende betrachtet. Diese entwickelt sich um die von Elias von Cortona verfasste Nachricht über den Tod des Ordensgründers (Epistola encyclica de transitus s. Francisci, 1226), worin sich erstmals die Erwähnung des Wunders der Stigmatisation von Franziskus findet. Neben den Viten des Heiligen von Thomas von Celano und Bonaventura (der letztlich ab 1263 als einzig gültigen) liegt das Augenmerk hier gerade auf der Kanonisationsbulle Gregors IX. (Mira circa nos, 1228), die nach dem Brief des Elias von Cortona das zweite Schriftstück ist, welches eine Charakterisierung des Heiligen vornimmt – ohne die Stigmatisation als solche zu erwähnen. Dafür werden, um den Vorgang anzudeuten, traditionelle monastische Standardbilder des ascensus spiritualis vor Augen geführt, die den von Franziskus erreichten, in der Vision ausgedrückten Gipfel der Kontemplation umschreiben. Hierdurch wird es möglich, die Bildvorstellungen der schriftlich fixierten Franziskuslegenden nachzuweisen. Wesentlich ist hier gerade jene der Himmelsleiter aus dem Jakobstraum, die vor dem 13. Jahrhundert bereits zur monastischen Meditationsfigur ausgebildet wurde. Der ascensus wird in der Kanonisationsbulle mit dem Aufstieg über die sieben Gaben des Hl. Geistes und den acht Seligpreisungen gleichgesetzt und damit in den Tugenden über Gebet und Meditation in Rückbindung auf den liturgischen Vollzug konkretisiert. Diese Dechiffrierung der Kanonisationsbulle war Grundlage für die Analyse im zweiten Teil der Arbeit. Hier wurde zu Anfang die „Erfindung der Stigmatisationsszene“, die keine ikonographische Vorlage kannte, durch Thomas von Celano in seinen Legenden und die Bearbeitung durch Bonaventuras in seiner Legenda maior/minor betrachtet. Zu fragen galt es hier, weshalb der Franziskus erscheinende Seraph für die Szene gewählt und in letzter Konsequenz mit dem Cruzifixus bei Bonaventura verbunden wurde. Die Einführung des sechsflügeligen Seraphen und die Schöpfung der eigentlichen Stigmatisationsszene durch Thomas von Celano in der ersten offiziellen Franziskuslegende (Vita prima) erweiterte den Aufstiegsgedanken um ein weiteres Vorstellungsmodell. Der Seraph, der durch die Jesaja-Vision (Is 6) bekannt ist, wird aufgrund der Vorstellung der gestuften himmlischen Hierarchie nach und nach zur konstituierenden und sinnbildhaften Meditationsund Memorialfigur des devotionalen und damit emotionalen Aufstiegs der Kontemplation (Dionysius Areopagita, De caelesti hierarchia; Gregor d. Gr., Homilia XXXIV; Bernhard von Clairvaux, De consideratione ad Eugenium papam Liber V; Alanus ab Insulis, De sex alis Cherubim). Somit wird seine Einführung in die eigentliche Stigmatisationsszene auf dem Berg LaVerna erst verständlich, wenn man ihn als Ausformung und verweisendes Sinnbild der traditionellen Meditationsfiguren bzw. Aufstiegsmodelle versteht, welche er zusammenschließt. Die Ausführungen zum Schaubild des Seraphen im 12. Jahrhundert nehmen schon die Verschmelzung von Seraph und Cruzifixus vorweg und entwickeln eine auf den affectus selbst ausgelegte Reue- und Bußmeditation Der Zugriff auf ein solches, dem Schematisierungsdrang, maßgeblich des 12. Jahrhunderts, entsprungenen Modell, gelingt nur über die Dechiffrierung des Schemas selbst. Organisiert nach dem Konzept von imaginatio und memoria, dessen ausschlaggebende Kategorie der affectus selbst ist, bietet sich in den Aufstiegsmodellen die Darstellung eines profectus virtutum, also dem Voranschreiten in den Tugenden selbst. In einer intensiven quellenkundlichen Analyse anhand des lange Zeit Alanus ab Insulis zugeschriebenen Textes De sex alis cherubim und Richards von St. Viktor Benjamin minor galt es den Habitus der einzelnen Tugenden und ihr Ineinandergreifen innerhalb der Meditationsübungen zu dechiffrieren.

Hierdurch lässt sich die Kategorie der Tugend selbst als Emotionskomplex definieren, da sich diese durch die Verknüpfung einzelner affectus in Gebetsstrukturen (Psalmen) und dem Nachvollzug biblischer Typologien konstituiert. Damit kann der affectus als der eigentliche Erkenntnisgegenstand des Geistes (Richard von St. Vikor, Benjamin minor) aufgewertet werden, fungieren die (schematisierten) Bilder selbst als Chiffre der affektgebundenen Teilhabe durch die Imaginationsleistung auf jeglicher Ebene der Devotion. Dies herauszustellen ist ein Anliegen der Arbeit und stellt sich der geläufigen Auseinandersetzung, nicht zuletzt in der kunsthistorischen Forschung, mit der Reihe von lectio – meditatio – oratio – compassio – contemplatio entgegen. Der dritte Teil der Arbeit betrachtet das meditative Potential des Textes der Franziskuslegenden und die liturgische Ritualisierung der Lebensstationen des Heiligen. Die frühen Franziskusbilder, die sogenannten Vitatafeln, werden liturgisch-meditativ durch ihre Beziehung der zum Fest von Franziskus konzipierten Antiphonen erfahrbar und leiten zur emotionalen Teilhabe an. Diese Anlage und gerade das auch hier implizite Reue- und Bußsystem, chiffriert anhand der Tugendsystematik, konnte ebenso als intendiertes Konzept anhand des Kirchenraums und seiner Ausstattung der Unterkirche von San Francesco in Assisi nachgewiesen werden. Ein essentieller Untersuchungsgegenstand war die Übertragung des monastischen Systems auf die den emotionalen Nachvollzug einfordernde Meditation des Lebens Christi (in Text und Bild) am Beispiel des Lignum vitae von Bonaventura. Kunsthistorischen Untersuchungen ist hier bislang der Zugriff auf das Affizierungspotential verwehrt geblieben, da eine eingehende Beschäftigung mit dem Text selbst ausblieb und damit Struktur und Inhalt nicht zusammengebracht wurden. Bonaventura lieferte mit dieser Meditationsschrift, die ihre sofortige visuelle Umsetzung erfuhr, die Grundlage für die Passionsmeditation des Spätmittelalters, da er hiermit ein allgemein gültiges Modell schuf. Den sofortigen Niederschlag beweisen Texte wie der Arbor vitae crucifixi Iesu, der Stimulus amoris oder die Meditaciones vitae Christi. Evident ist die zusammenschauende Betrachtung der Bildthemen Stigmatisation, Lignum vitae und der Croci dipinte mit Franziskus am Fuße des Gekreuzigten, die bisher weitestgehend getrennt voneinander betrachtet wurden. Steht der Entwurf des Lignum vitae zeitlich vor Bonaventuras Konzeption der Legenda maior/minor, ist es dennoch eine klare Referenz auf das Meditationsbild des Seraphen selbst. Zugleich entwickelt sich die Stigmatisation als eigenständige, auch monumentale Darstellung erst nach dem endgültigen legendarischen Entwurf durch Bonaventura, etwa zeitgleich mit der Darstellung von Franziskus am Fuße des Crucifixus. Die Arbeit stellt die osmotische Beziehung aller drei Bildthemen bzw. Modelle heraus. Daher widmet sich eine abschließende und rückbezogene Betrachtung der Konzeption von Franziskus und durch ihn ermöglicht von Maria Magdalena unter dem Kreuz. Es ist eine Analyse der Bedeutung in Bezug auf den Ort der Versenkung selbst, die sich nicht aus einer gesteigerten Proskynesis herleitet oder der gerade im 14. Jahrhundert vehement einsetzenden Verehrung der Wunden Christi erklären lässt (diese ist mehr als eine Folge und weitere Ausdeutung zu betrachten), sondern die ihre Begründung ebenfalls im seraphischen Meditationsmodell und damit in der monastischen Imaginationspraxis des 11. und 12. Jahrhunderts findet.