Fabian Wolf

Die Weihnachtsvision der heiligen Birgitta von Schweden

Wechselbeziehungen zwischen inneren und äußeren Bildwerdungsprozessen

Abstract zur Doktorarbeit:

Die vorgelegte Dissertation behandelt einen wenigstens seit Henrik Cornells Buch The Iconography of the Nativity of Christ von 1924 bekannten Fall der spätmittelalterlichen religiösen lkonographie.
Offenbar unmittelbar durch eine 1372 erfahrene Vision der hl. Birgitta von Schweden in der Betlehemer Geburtsgrotte angeregt, änderte sich in den Jahrzehnten um 1400 die Darstellungsweise der ‚Geburt Christi‘ grundlegend. Maria wurde nicht mehr wie im alten byzantinischen Typus liegend gezeigt, sondern in Anbetung ihres Kindes; dazu traten weitere von der Birgitta-Vision übernommene Motive. Vor allem die anbetende Haltung der Muttergottes setzte sich durch und bestimmte noch über das Mittelalter hinaus die lkonographie dieser für die Heilsgeschichte so zentralen Szene. Spätere Forschungen haben die Kenntnis über diesen seltenen Fall eines direkten Bezugs zwischen Vision und Bilderfindung bereichert, sei es im Hinblick auf die über ganz Europa verstreuten Reflexe der neuen lkonographie, sei es durch den Hinweis auf die Tatsache, dass das Motiv der Anbetung des Kindes durch Maria schon vor Birgitta verbreitet war, die Vision also durch eine Änderung der Darstellungstradition vorbereitet wurde. Dennoch wurde dieser außergewöhnliche Fall noch nie zum Gegenstand einer ausführlichen monographischen Studie. Diese Forschungslücke möchte die vorliegende Arbeit schließen.
Die Dissertation gliedert sich in zwei gleichwertige Teile. In Teil I („Die Vision und ihr Zustandekommen“, S. 15–243) geht es ausschließlich um die Weihnachtsvision der hl. Birgitta oder, präziser gesagt, um die vielfältigen – theologischen, frömmigkeitsgeschichtlichen, literarischen, aber auch allgemein (nicht auf die Bildkünste beschränkt) visuellen – Voraussetzungen dieser mystischen Vision. Erörtert werden die inneren Prozesse der Bildwerdung der Visionärin im Referenzrahmen der spätmittelalterlichen Frömmigkeitspraxis. Nachgezeichnet wird, wie sich die – Birgitta von Maria
bezeichnendenweise schon Jahrzehnte zuvor angekündigte – Vision von 1372 sich aus den unterschiedlichsten Quellen speist. Im Rahmen einer bildhaft affektiven Frömmigkeit entwickelte Birgitta in ihrer intensiven Praxis einer ,kultivierten‘ imaginatio ‘ sozusagen eine eigene, personalisierte Weihnachts-Narration, in die sie ihre Seh- und Leseeindrücke – bewusst oder unbewusst – integrierte. Aufgezeigt werden ‚Orte und Methoden affektiver Vergegenwärtigung‘, die für Birgitta wichtig wurden: die geistliche Lektüre, die Liturgie, das geistliche Spiel, Pilgerstätten und Reliquien; inbesondere der Einfluss der Meditationes Vitae Christi und zahlreiche bildliche Inspirationsquellen, die Birgitta auf ihren ausgedehnten Pilgerreisen gesehen haben könnte. Die Motivanalyse erbrachte unter anderem neue Erkenntnisse hinsichtlich der Interpretation dieses mystischen Textes, aber veranschaulicht vor allem, inwiefern sich darin alte und aktuelle zeitgenössische Entwicklungen der Kunst- und Frömmigkeitsgeschichte wiederfinden.
Teil II (S. 241–463) ist der „Übersetzung in das materielle Bild“, also dem im engeren Sinn kunsthistorischen Aspekt gewidmet. Die Genese eines inneren, mentalen, visionären Bildes ist also genauso Gegenstand wie die Genese der neuen, ,visionären‘ lkonographie in den ,äußeren‘ Bildern. Dargestellt werden auch die Gründe und konkreten Bedigungen, unter denen Birgittas Bericht in der Bildkunst rezipiert wurde und letztlich zu einer epochalen Veränderung in der christlichen Bildwelt geführt hat. Behandelt werden dabei Probleme der Text-Bild-Übersetzung, aber auch Phänomene, die bei der Integration neuer Motive in eine bereits etablierte, und regional ausdifferenzierte Ikonografie des Weihnachtsbildes zu beobachten sind. Zusammengetragen wurde dafür ein umfangreiches Corpus an Bildwerken aller Gattungen aus Italien, Schweden, aber auch aus Böhmen sowie dem dt., frz. und niederländischen Sprachraum aus der Zeit von 1372 bis 1430, als die Darstellungsweise zur Standardikonografie geworden war.
Die Studie ist somit als Fallstudie angelegt, die den ikonografischen Wandel gleichsam wie im Vergrößerungsglas betrachtet und herausarbeitet, welche Prozesse in dieser Motivgenese im Wechselspiel zwischen Imagination, Visionstext und Bildumsetzung bzw. mentalen und materiellen Bildern zu beobachten sind.